Donnerstag, 7. Januar 2010

Aus gegebenem Anlass: Corso Kino Würzburg

"Des kann doch net warstein".

Das/des kommt raus, wenn ein gebürtiger Oberfranke mit einer Sauerländerin zusammen wohnt. Ein Ausruf des Entsetzens, geboren aus einer Sprachkreuzung, die der Herrgott offenbar weder vorausgesehen noch gewünscht hat. Fragt sich nur, was der Auslöser einer so haarsträubenden Wortkreation war, dass es jedem Außerirdischen wahrscheinlich beim bloßen Betrachten der Überschrift dieses Artikels kalt den Rücken herunterlaufen muss, weil nur ein sehr barbarisches und gewaltbereites Volk zu solcher Sprachverhuntzung in der Lage sein dürfte.

Antwort: Die Anrufbeantworteransage des Corso-Kinos in Würzburg mit O-Ton: "Unser Kino ist seit 01. Januar geschlossen." - "Ja wie jetz?" sagt die Sauerländerin und guckt blöd ins Wetter. "Und wo läuft der Film dann?" fragt der gebürtige Oberfranke und versucht mit google sein Glück, allerdings ohne nennenswerte Treffer zu erzielen.

Der Liebste, passionierter Schachspieler, der gern auch nachts mal aufsteht, um ein paar Partien zu verfolgen, wollte gern "Die Schachspielerin" sehen. Französischer Film, dramatisch und gänzlich ohne Spezialeffekte auskommend. Sowas wird im Cinemaxx jedenfalls nicht gezeigt.
Und auch Dettelbachs tolles Superkino hat das im Programm nicht zu bieten - weil es sich offenbar nicht mehr lohnt, einen Film zu zeigen, der nicht ausschließlich die Massen anspricht und für den nicht jeden Tag dreimal pro Stunde in jedem Fernsehsender ein Trailer zu sehen ist.

Die Filme, die nicht jeder sehen wollte, die gab´s immer im Corso. Und an die habe ich die wunderbarsten Erinnerungen. Weil die nicht jeder schon gesehen hatte. Und weil das Corso eben so schön ramschig gemütlich war. Weil man da Filme sehen konnte, die nicht für jeden gemacht waren. deshalb war es immer etwas besonderes.

Fazit des heutigen Abends: Wir haben das Corso vergessen. Wegen schlechterer Parkmöglichkeiten und weil das Cinemaxx irgendwann irgendwie fescher war. Weil wir auch oft dem Massenhype gefolgt sind, und weil man nicht immer den Film sehen will, den andere nicht sehen müssen. Wenn das Corso jetzt schließt, wo können wir dann die Filme gucken, die sonst nirgends laufen? Gibt es dann in Würzburg wirklich nur noch das trommelfellquälende Cinemaxx?? Und keine Möglichkeit, zu fliehen???

Ich kann noch nicht einmal unter "gesehen" posten - denn ohne Corso wird es da demnächst nicht nur "Die Schachspielerin" geben, die fehlen wird. Und die Sauerländerin hofft inständig, dass das Ganze nur ein großes Versehen ist - vergeblich, wie eine Internetsuche ergibt.

www.mainpost.de/lokales/wuerzburg/Traditionsreiches-Corso-Kino-schliesst-im-Dezember;art735,5195466

Freitag, 18. Dezember 2009

Aus gegebenem Anlass: Weihnachten

Über Weihnachten zu schreiben, erfüllt immer so viele Klischees, dass man es eigentlich lieber gleich bleiben lassen sollte. Über Weihnachten kann eben jeder etwas schreiben oder sagen, weil es höchst wahrscheinlich das persönlichste aller Feste ist. Schließlich hat jeder seien eigenen, einzigartigen Weihnachtserinnerungen - und es bleibt ja doch das Fest der Liebe, bei dem jeder sich ein bißchen gedrückt fühlen will, nette Weihnachtskarten schreibt und Geschenke für die Lieben organisiert.
Und weil es gerade draußen herrlich schneit und die Straße und der Garten weiß sind, und alles trotz Jobsuche und Ärger über das Examen gerade so unglaublich friedlich ist, will auch ich ein paar ganz persönliche Weihnachtsworte los werden. Denn am Samtag in der Stadt ging es auch für mich los, als ich über den überfüllten Marktplatz lief und Weihnachten mich ganz unverhofft an meinem empfindlichsten Sinn traf: Meinem Geruch. Und da wurde klar: Weihnachten ist über den Weihnachtsmarkt laufen und plötzlich kitzelt einen der Geruch von frisch geschlagenen Tannen in der Nase. Ein bißchen harzig, waldig. Und augenblicklich hat man die ersten Chritsbäume im Kopf, an die man sich als Kind erinnern konnte - und wie die Katze gleich am ersten Tag die schönen Glitzerkugeln runtergeholt hat.
Weihnachten ist die Schlittschuhe rausholen (ganz egal, ob man dann damit fährt oder nicht...). Weihnachten ist Geschenke einpacken - das wird bei uns immer bis zur Perfektion zelebriert, weil im Keller das feine Schleifenband mit passendem Geschenkpapier lagert und jedes Päckchen anders aussehen soll. Weihnachten ist meine scheußliche Weihnachtskassette mit Liedern von Bill Ramsey, Peter Alexander, Roy Black und vielen Kinderchören. Die hab ich schon als kleines Kind gemocht, kann sie von vorn bis hinten auswendig und könnte jeden Ton mitträllern. Weihnachten ist eben ein Fest der Erinnerungen – Erinnerungen an eine Zeit, als man noch an das Christkind geglaubt hat, Erinnerungen, als die Tür des Wohnzimmers den ganzen Tag abgeschlossen war und einen eine schon schmerzhafte Neugierde immer wieder zum Lauschen an der Tür oder zum Gucken durch´s Schlüsselloch getrieben hat, Erinnerungen an eine Zeit, als man Ferien hatte und Schlitten fahren ging und mit Mama und Oma in der Küche beim Plätzchen backen gesungen hat. Und jedes Jahr kommen neue Erinnerungen dazu: Weihnachten ist „Tatsächlich Liebe“ gucken, während mein Liebster mit mir auf dem Sofa sitzt und es in der Wohnung nach Plätzchen riecht.
Deswegen ist Weihnachten auch Advent, wo sich das Jahr dem Ende zuneigt, und eigentlich nicht die drei Tage ab dem 24., sondern im eigentlichen Sinne unendlich viel mehr: Die Zeit davor.

Mein liebstes Weihnachtslied von der Kassette hat folgenden Text, und so kann ich mein persönliches Weihnachten hier mit fremden Worten beschreiben:

Wenn es Dezember wurde, zählten wir als Kind
Wie viele Blätter noch an dem Kalender sind
Mit jedem Morgen wurde der vergangne Tag ein Stück Papier
Und mit der Mutter zusammen sangen wir

Kalender, Kalender
Du bist ja schon so dünn
Jetzt ist es bis Weihnachten
Nicht mehr lange hin

So wie ein Baum ist der Kalender Jahr für Jahr
Mit vielen Blättern dran am ersten Januar
Doch jeden Tag wird dann ein weitres Blatt vom Wind der Zeit verweht
Bis im Dezember das Jahr zu Ende geht

Kalender, Kalender
Du bist ja schon so dünn
Jetzt ist es bis Weihnachten
Nicht mehr lange hin

In unsrem ganzen Leben bleibt ein kleines Stück
Von der Erinnerung an jene Zeit zurück
Und wenn sie Tage kürzer werden und der Schnee vom Himmel fällt
Dann denken viele, ja viele auf der Welt:

Kalender, Kalender
Du bist ja schon so dünn
Jetzt ist es bis Weihnachten
Nicht mehr lange hin

Tja, Bill Ramsey trifft es mit diesen Zeilen doch einfach auf den Kopf. Ich glaube nicht, dass 2009 noch bedeutende Dinge für mich bereit hält. Ich werde nur noch Weihnachten zelebrieren – und wenigstens das soll dieses Jahr endlich mal wieder richtig gut laufen!

Montag, 30. November 2009

Paradox

Paradox ist, wenn man im Dunklen auf der Autobahn bei Regen hinter einem LKW der Firma Schwarzmüller herfährt und "Here comes the Sun" von den Beatles mitsingt.

Donnerstag, 26. November 2009

Aus gegebenem Anlass gelesen: „Der Brenner und der liebe Gott“ von Wolf Haas

Wenn Du was liest, dann brauchst Du immer wen, der Dir auf den letzten zwanzig Seiten schon das nächste Buch unter die Nase hält. Damit Du Dich auf was freuen kannst. Weil gutes Buch zu Ende traurig und besser schon was neues in Aussicht. Bei mir ist das der Liebste, der immer was parat hat. Und jetzt pass auf: Diesmal musste ich sogar was in mein Buch dazwischenschieben. Weil nächste Woche ja Karten für Lesung vom Autor mit Autogrammstunde und unaufschiebbar und nicht auszudenken, wenn man das Buch da noch gar nicht kennt.
Ich also, fesch an den Brenner ran. Und was sag ich Dir? Das war gar nicht so übel. Mal abgesehen davon, dass der Haas Wolff ja alles so schreibt, wie es gerade geredet wird. Wirklich, der schreibt, als hätte er irgendwann beim Busfahren mal was in sein Diktiergerät gesprochen und die Haas-Sekretärin schreibt das dann genauso auf, wie das dem Haas im Bus zwischen zwei Haltestellen eingefallen ist.
Ich natürlich erst „ Das Wetter vor 15 Jahren“ gelesen. Kein Brenner-Krimi und auch echt keine große Erleuchtung. Wie der Haas da ständig sein Gespräch zwischen der Literaturbeilage und dem Autor wiedergibt, statt einfach die Geschichte zu erzählen. Und die war dann auch noch überhaupt nicht interessant. Da ist ein Brenner -Krimi schon was anderes, weil da gehts auch mal voran und es gibt auch Überraschungen.
Jedenfalls, wenn ich gewusst hätte, dass das mit dem Brenner ganz anders ist als mit dem komischen Wetter-Roman und der Literaturbeilage, hätte ich mich ja schon viel früher auf die Lesung nächste Woche gefreut. So erstmal: „Der Brenner und der liebe Gott“. Jetzt kann der Haas aber kommen. Und pass gut auf, denn da gibt es allemal noch was zu erzählen.

Mittwoch, 25. November 2009

Gelesen: "Der geschenkte Gaul" von Hildegard Knef

Man mag über den Hype streiten, der plötzlich um manche Bücher einsetzt, sobald sie endlich verfilmt werden - verfilmt wird mittlerweile ja so ziemlich alles, was irgendwie danach riechen könnte, ein Erfolg auf der Leinwand zu werden. Manchmal wird allerdings wirklich etwas hochgelobt, was sich tatsächlich ganz unerwartet als sehr lesenwert herausstellt. Ich habe mich im Übrigen auch nicht von einem allgemeinen Begeisterungssturm anstecken lassen, sondern habe die Biografie von Hildegard Knef ganz einfach geschenkt bekommen – den Film dagegen habe ich verpasst.
Im Gegensatz zu allem, was ich bisher über den Krieg las, hat mich Hildes Geschichte ganz besonders beeindruckt. Hilde ist mir nah, viel näher als andere Gestalten aus den für mich weit entfernten Kriegs- und Nachkriegsjahren. Vielleicht, weil sie gerade in dieser Zeit etwas erlebt hat, das mich selbst begeistert: Sie ist Schauspielerin geworden und hat Kriegsbühnenluft geschnuppert, mit der sie ein ganzes Leben lang zu kämpfen hatte. Dabei beschreibt Hilde ihr Leben wie in einer Seifenblase, immer alles ganz subjektiv und gerdade darum von so einnehmender Sprache, dass man das Gefühl bekommt, ganz bei dieser Hilde zu sein, die da ihre Geschichte erzählt, sodass man einfach weiter andächtig lauschen möchte, um nichts zu verpassen: Hilde bei ihrem Großvater im Schrebergarten, Hilde in der Zeichenschule, Hilde beim Vorsprechen. Und dann plötzlich: Hilde im Schützengraben mit E. v. D., Hilde in Berlin, im Krieg. Hilde dem Tod ganz nah und doch fest dazu entschlossen, zu überleben. Selten habe ich bisher erlaubt, dass mir die Grausamkeiten des Krieges so nahe gehen duften, selten habe ich mir den Krieg, den der einzelne erlebte, so wieder und wieder in Gedanken gedacht und die Bilder vor meinem inneren Auge passieren lassen wie nach den ersten 100 Seiten dieses Buches. Das kann man gar nicht einfach in einem Rutsch durchlesen, sondern das muss man häppchenweise erleben, das Gelesene verdauen und immer wieder neu begreifen, dass es die Wirklichkeit darstellt. Bei der folgenden Zeit, die Hildegard Knef in den USA verbringt, bleibt das in Deutschland Geschehene unvermeidlich im Hinterkopf. Sie ist wieder nah, denn der Erfolg will sich nicht einstellen und das Leben dümpelt gern vor sich hin. Ich dachte, Hilde hätte auch für uns die richtigen Worte gefunden: Für Arbeits- und Perspektivenlosigkeit, ein gelähmtes Land und eine ungewisse Zukunft. Ich weiß aber auch, dass sie niemals aufgegeben hätte: Denn dem Leben, dem geschenkten Gaul, schaut man nicht ins Maul. Das nimmt man, und man macht das Beste damit.

Hilde hat ihr Leben in eine Trilogie verpackt. Zu „Der geschenkte Gaul“ gibt es zwei Fortsetzungen: „Das Urteil“ und „So nicht“.

Mittwoch, 7. Oktober 2009

Von Pilzsuchern, Pilzsammlern und Pilzdieben


Das Wochenende verbrachte ich mit dem Liebsten im schönen Sauerland. Am Sonntag ging es in die Pilze. Nach dem einen oder anderen Fliegenpilz stießen wir auf ein wunderschönes, großes, braunes Pilz-Exemplar, das unbedingt essbar aussah und als Steinpilz durchging.



Der Liebste jedenfalls konnte nicht umhin, den Pilz zu ernten und als Trophäe mitzunehmen.

Damit es auf dem Weg aber nicht etwa beschwerlich werden, die Beute mit sich herum zu tragen, deponierte er das gute Stück hinter dem Wagenrad eines am Wegesrand geparkten Anhängers. Da wollte er den Pilz dann auf dem Rückweg wieder einsammeln und abends genauer untersuchen. Jedenfalls war mein Liebster wirklich sehr stolz:



Doch oh weh...! – als wir zurückkamen, lag da kein Pilz mehr. Nur noch ein abgeschnittenes Scheibchen vom Stamm, sorgfältig vom Rest des wunderschönen Fundstücks mit dem Messer abgetrennt, zeugte noch davon, dass dort einmal ein Pilz versteckt wurde! Der Liebste war entsetzt: Denn so einen Pilz, den findet man nur einmal im Leben. Und dann noch schändlich von Pilzdieben bestohlen zu werden, das war wahrlich kein schönes Erlebnis. Mein Vater meinte freilich, mit so einem einfachen Versteck können man einen Sauerländer auch nicht hinters Licht führen. Trotzdem fühlte sich der Liebste verraten und verkauft, betrogen und hintergangen vom gemeinen sauerländer Pilzdieb.



Zum Trost brachte der Nachbar am Abend einen ganzen Korb voller Pilze vorbei. Voller Gottvertrauen haben wir die alle gegessen – sei es aus Trotz, sei es aus trauriger Enttäuschung – und sie haben sehr gut geschmeckt, ohne dass wir Farben gesehen hätten oder uns schlecht geworden wäre. Pilze sind schon was feines. Also hatte das Sauerland trotz seiner kriminellen Seiten auch noch eine Entschädigung zu bieten.

Freitag, 2. Oktober 2009

Selig – Und endlich unendlich Tour 26.09.2009

Am Wochenende war es dann endlich so weit: Das lang ersehnte Selig-Konzert, auf das ich nun immerhin 12 Jahre gewartet habe, war endlich in greifbare Nähe gekommen. Allerdings war bereits der Weg dorthin auf Grund des zeitgleich stattfindenden Oktoberfestes ein Erlebnis: Schon in der U-Bahn bin ich mit zwanzig singenden Russen gefahren. (Ich habe noch versucht, den entsetzten Franzosen neben mir zu erklären, dass es sich bei der sangesfreudigen Meute nicht um Deutsche handelte!). Nach Besuchern des Selig-Konzertes sah da jedenfalls keiner aus, und somit fand ich das ganze schon ziemlich komisch grotesk – zumal ich bisher kein einziges Plakat in der ganzen Stadt gesehen hatte. Trotzdem: Vorfreude ist die schönste Freude. Als ich am Ostbahnhof ausstieg, konnte mir allerdings kein Mensch dort die Frage beantworten, wo diese Konzerthalle sein sollte. („Können Sie mir sagen, wo ich die Tonhalle finde?“ – „Was? Turnhalle? Kenn ich nicht!“) Tausend Plakate auf dem Weg, den ich mir also selbst zusammenbasteln musste – aber kein einziges von Selig. Ganz ehrlich: Ich dachte, ich sei so kurz vor dem Ziel, und nun sah es echt so aus, als ob das Konzert nur in meiner Phantasie stattfinden würde. Ich hab dann nochmal schnell die Karte kontrolliert – nicht, dass da Oktober draufsteht statt Septeber, oder 2010 oder so. (Man weiß ja nie, und die Karte hab ich immerhin schon seit April gehütet!) Schließlich habe ich die verflixte Halle doch gefunden, und da sah es dann schon vedammt nach Selig aus. Um kurz vor acht suchte ich mir einen herrlichen Platz aus – etwa sechste Reihe vor der Bühne, genau in der Mitte und mit bestem Blick auf das Hauptgeschehen. Vor mir ein Ehepaar in den Mittvierzigern (ich denke, bestimmt mit den Kindern da), rechts hinter mir allerdings Konzertbesucher, die die Welt nicht braucht: der eine kannte überhaupt kein Lied von Selig und verkündete dies auch lautstark, dann noch ein kleiner dicker Typ mit Brille, der die ganze Zeit vor dem Konzert das Umfeld innerhalb von zwei Metern mit Geschichten darüber nervte, wie er einer vegetarischen Damenbekanntschaft Fleisch näherbringen möchte. Das ganze auch noch mit froschiger Quakstimme und großzügig mit Sinnlosigkeiten gespickt. Irgendwann habe ich mir überlegt, dass ich eigentlich einzig und allein gern sehen würde, wie ihm ein Krokodil in den Hintern beißt. Soviel zum Vegetarierdasein. (Die Typen nervten sogar noch während des Konzerts durch Zwischenrufe. Irgendwann waren sie weg. Gott sei dank – ich hatte nämlich die Karte bezahlt, um Selig zu hören, und nicht für dämliches Geplapper im Rücken).
Um zwanzig nach acht geht´s los – sofort mit „Ist es wichtig“. Vor Freude entfleucht mir fast eine Träne, die ich verstohlen aus dem Augenwinkel entferne. Ich bin absolut zufrieden und glücklich, einfach selig, dort zu sein. Und dann gibt es zwei Stunden lang nur Selig, Selig, Selig... Überraschenderweise kennen die Mitvierziger vor mir sogar einige Texte, und der symhatische langhaarige Fan links neben mir fängt an, wild Luftgitarre zu spielen. Ich befinde mich also in bester Fangesellschaft. Neben ihm fällt mein wildes Tanzen gar nicht auf, ich kann voll auf der Welle mitschwimmen. Die Stimmung ist super – und ganz ehrlich, sie schaffen es tatsächlich, wirklich die besten Lieder auch live auf die Bühne zu bringen. Das habe ich so noch nie bei einem Konzert erlebt!!! Meistens wurden meine Lieblingssongs nicht gespielt, denn die besten sind ja meistens nicht die, die auch im Radio gespielt werden. Ganz anders bei Selig: Sogar die alten Sachen sind nämlich dabei, und wenn auch nicht mein Lieblingslied vom neuen Album den Weg auf die Bühne findet, so sind echte Höhepunkte für mich doch „Kleine Schwester“, „ Sie hat geschrien“, „ Arsch einer Göttin“ oder „Glaub mir“. Es ist übrigens großartig, auf dem Konzert einer Band zu sein, von der man wirklich jeden Song kennt – bei jedem Mal, dass neue Anfangstakte ertönen, gerät man erneut in Ekstase – einfach nur,weil es DIESER Song ist, den man jetzt hört!!! Und ich habe mich übe jeden einzelnen gefreut, der gespielt wurde. Selig sind übrigens auch live wanhsinnig gut, also nix von wegen bloß Studioband oder so. Nein, die haben es wirklich drauf und zaubern auch auf der Bühne mit Worten und Musik, wie man es von jedem Album kennt.
Zum Schluss gibt es tatsächlich noch „Wenn ich wollte“ – zum Durchdrehen genial. Das Konzert ist viel zu schnell vorbei, denn es gibt ja so viele absolut geniale Songs von Selig. Am liebsten würde ich sie alle hören, und sie spielen gefühlt auf meinem Platz in der Mitte der Nacht nur für mich...

Als ich meine Jacke nach drei Zugaben hole, lausche ich zwei Konzertbesuchern hinter mir, die sich über das junge Publikum mit den Handys beschweren. Weil man keine Hände mehr oben sieht, sondern nur Blitzlichtgewitter von schlechten Handykameras. Ich schäme mich ein bißchen, habe ich doch auch zwei Bilder gemacht. Ich weiß schon: Klar kann man mit einem Hand Fotos machen. Aber ich geh ja auch nicht mit einem Tennischläger Golf spielen.
Also gelobe ich hiermit feierlich, nie wieder auf einem Konzert mit dem Handy ein Foto zu machen. Die diesmal auf diletantischste Weise entstandenen will ich aber dennoch nicht vorenthalten. Voila, Selig. Hallelujah auf dem Weg zur Ruhe.